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Wem Nietzsche heute noch unter die Haut geht

Dieter Petschuch

BK | BKFH

Projektarbeit – so heißt das neue Fach, das seit diesem Schuljahr erstmals auf dem Stundenplan des einjährigen Berufskollegs zur Erlangung der Fachhochschulreife steht. Und obwohl das Schuljahr noch nicht zu Ende ist und die Prüfungen noch ausstehen, am vergangenen Donnerstag und Freitag war für 58 BKFH-Schüler und Schülerinnen Tag der Wahrheit. Denn die Arbeitsergebnisse wurden den einzelnen BKFH-Klassen sowie den betreuenden Lehrkräften Edelgard Bungert, Joachim Kiner und Dieter Petschuch präsentiert.

Während sich die Schüler der T-Klasse (= gewerbliche Richtung) unter dem Rahmenthema „Philosophie“ mit dem Leben und Werk von Rousseau, Kant, Nietzsche und Marx beschäftigt hatten, beleuchtete die B-Klasse (= hauswirtschaftliche, landwirtschaftliche und sozialpädagogische Richtung) das breite Spektrum sozialpädagogischer Einrichtungen im Landkreis Böblingen. Dabei erhielten die Zuhörer einen detaillierten Einblick in die sozialpädagogische Arbeit in Heimen, in Jugendhäusern, in der Familienarbeit oder an der Schule. Aber auch die Arbeit mit Opfern von sexuellem Missbrauch bei „thamar“, die Aktivierungs- oder Suchthilfe und das Seehaus in Leonberg waren Gegenstand der Untersuchungen.

Mit einem gänzlich anderen Aspekt setzte sich die W-Klasse (= wirtschaftliche Richtung) auseinander. Dort lautete der gestellte Themenrahmen „Arbeitswelt und Betriebe in Leonberg und Umgebung“. Neben zwei historischen Arbeiten zur Geschichte Leonbergs vom Dorf zum Wirtschaftsstandort im Allgemeinen und über die Zeit des Zweiten Weltkriegs im Besonderen, untersuchte eine Gruppe hier die Frage, ob bzw. für wen eine Stadt wie Leonberg ein attraktiver Arbeitgeber sein kann. Weitere Beiträge befassten sich jeweils unter Bezugnahme auf regional ansässige Firmen mit der Bedeutung von Motivation und Kommunikation in der Arbeitswelt, Standortfaktoren oder dem Supply Chain Management. Und auch regionale Sport- und Kulturveranstaltungen und deren Beitrag für den Wirtschaftsstandort Leonberg wurden untersucht und ausgewertet.

Neben dem breiten Themenspektrum und dem Niveau der methodisch äußerst vielfältigen Präsentationen beeindruckte die anwesenden Lehrkräfte die Tatsache, dass es nicht zwangsläufig der vielerorts schon fast obligatorisch gewordene Powerpoint-Vortrag sein muss, um eine gelungene Präsentation zu halten. Denn auch allein mit konventionellen Mitteln wie dem geschickten Einsatz einer Metaplanwand, Overheadfolien oder durch die variantenreiche Modulation der Stimme in Verbindung mit einer ausdrucksstarken Körpersprache wussten einige Schülerinnen und Schüler ihr Publikum zu bannen.

Doch bevor die Schüler ihre Redegewandtheit und ihr sicheres Auftreten unter Beweis stellen konnten, hatten sie einen langen und anstrengenden Weg durch den Projektdschungel zurückzulegen. Am Anfang dieses Weges standen in den ersten Unterrichtswochen mehr oder weniger theoretische Einführungen in die Projektarbeit auf dem Programm, die sich mit den einzelnen Projektphasen oder auch mit unterschiedlichen Arbeitsmethoden wie z.B. der Literaturrecherche befassten. Damit niemand aufgrund fehlender (oder absichtlich vergessener) Anführungszeichen beim Zitieren ins Stolpern geraten konnte, wurde in allen Klassen auch das korrekte wissenschaftliche Arbeiten ausgiebig thematisiert.

Als schließlich alle bis Mitte November ein Thema gefunden und Gruppen für dessen Erarbeitung gebildet hatten, waren im Nachhinein betrachtet bereits hier erste Weichenstellungen für einen späteren Erfolg gelegt. In dem nun einsetzenden Teil der Arbeit galt es, die erlernte Theorie in die Praxis umzusetzen, denn die benötigten Informationen und Materialien mussten selbstständig beschafft, erarbeitet und aufbereitet werden. Erste Rückschläge blieben nicht aus, da die Probezeit am Ende des ersten Halbjahres für einige Schülerinnen und Schüler die Projektarbeit vorzeitig beendete. Mit der Anfertigung einer Dokumentation, in der die Schülerinnen und Schüler jeweils auf 5-7 Seiten (ohne Verzeichnisse) ihre gewonnenen Arbeitsergebnisse schriftlich zusammenfassen sollten, war Ende März 2012 schließlich der letzte Meilenstein vor den beiden eingangs erwähnten Präsentationstagen erreicht. Insgesamt summierten sich die Einzelbeiträge der 19 verschiedenen Projektarbeiten dabei auf eine Gesamtseitenzahl von 391 Seiten (bzw. 581 Seiten incl. den Anhängen).

Aber nicht nur die Schülerinnen und Schüler betraten mit dem neuen BKFH-Unterrichtsfach Neuland. Auch die Lehrkräfte stellte dieses Fach vor neue Herausforderungen, die sich aus der Veränderung ihrer Lehrerrolle vom Wissensvermittler im Klassenzimmer zum Lernbegleiter ergaben. Wesentlichen Anteil daran, dass diese Herausforderungen ohne große Reibungsverluste gemeistert werden konnten, hatte der Einsatz der am BSZ LEONBERG genutzten E-Learning-Plattform MOODLE von Unterrichtsbeginn an. Damit war zum einen ein problemloser Informations- und Datenaustausch zwischen Lernenden und Lehrenden unabhängig vom Lernort möglich. Zum anderen boten die MOODLE-Kurse den Lernenden ein umfangreiches Nachfrageinstrumentarium, das zeitlich deutlich über die üblichen Stundenplanzeiten hinausreichte, nachdem das Fach nach den einführenden Theoriestunden nicht mehr im Klassenzimmer und im Klassenverband „unterrichtet“ wurde. Die Lehrenden waren dank MOODLE trotzdem über den fortschreitenden Arbeitsprozess informiert.

Abschließend lässt sich feststellen, dass das Fach den Schülerinnen und Schülern im Verlaufe des Schuljahres Einiges an Durchhaltevermögen abverlangt hat. Die gewonnenen Erfahrungen im Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten wurden jedoch übereinstimmend als sehr wertvoll erachtet und dürften für viele die Anstrengungen der vergangenen Monate mehr als aufwiegen. Und wenn der eine oder die andere nun seinen/ihren bisher eher unbestimmten allgemeinen Studienwunsch noch einmal kritisch überdenkt und vielleicht doch auf ein Studium verzichtet, dann ist das zwar nicht das primäre Ziel des Faches gewesen, aber im Hinblick auf überfüllte Hörsäle oder persönliche Uni-Tragödien auch ein Ergebnis von einer gewissen nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Relevanz.

Doch was hat das alles mit einem auch heute noch unter die Haut gehenden Friedrich Nietzsche zu tun? Die Antwort darauf ist ebenso banal wie skurril: Die amerikanische Schauspielerin Megan Fox (u.a. Transformers, Passion Play) trägt ein Zitat des großen deutschen Philosophen als Tattoo.