Als wir dort ankamen, schauten wir uns die damaligen Haftbedingungen an. Die Zellen waren klein, und die ehemaligen Schlafplätze reichten nicht für die vielen inhaftierten Menschen. Trotzdem mussten sie unter diesen unwürdigen Bedingungen leben.
Die Inhaftierten wurden mit verschiedenen Kennzeichnungen versehen, um ihre Herkunft oder ihren sozialen Status sichtbar zu machen. Am Eingang wies der zynische Spruch „Arbeit macht frei“ darauf hin, dass die Gefangenen bis zur völligen Erschöpfung arbeiten mussten. Uns wurde berichtet, dass im Lager nicht nur politische Gegner, sondern auch Juden, Homosexuelle und Geistliche inhaftiert waren.
„Arbeit“ im Konzentrationslager bedeutete Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen – in Fabriken, Rüstungsbetrieben, der Landwirtschaft oder beim Lagerbau selbst, der bereits Tausende das Leben kostete. Die ausgezehrten Häftlinge mussten im Laufschritt Ziegel schleppen oder schwere Straßenwalzen wie ein Pferdegespann ziehen.
Wer versuchte, sich auszuruhen, wurde entweder sofort totgeschlagen oder in eine Strafkompanie versetzt – was einem Todesurteil gleichkam.
Ab 1941 wurden sogenannte „Sonderhäftlinge“ in die Arrestzellen des Lagergefängnisses verlegt. Dabei handelte es sich um prominente Gefangene, die die SS aus kriegstaktischen Gründen als Geiseln festhielt. In den Jahren 1941/42 wurde im Ostflügel des Gefängnistrakts und in einem Anbau ein Straflager für SS-Männer, Polizeibeamte und Luftschutzbedienstete eingerichtet.
Ein Beispiel für ein Schicksal unter vielen: Dieses Formular betrifft August Mohr, einen Buchbinder aus Darmstadt, der zuletzt im Übergangslager Marktplatz 13 in Leonberg gemeldet war. Er wurde am 19. September 1942 überstellt und ist laut Eintragung der International Refugee Organization (I.R.O.) am 13. Mai 1942 verstorben – was auf eine nachträgliche Todesmeldung hinweist. Die Information stammt vom Standesamt 2, Aktenzeichen 1630C. Mohr war evangelisch. Eine solche Lagerkarte besaß jeder Inhaftierte – oft ohne Angabe einer Todesursache.
Nachdem das Konzentrationslager Dachau am 29. April 1945 von Einheiten der 42. und 45. Infanteriedivision der 7. US-Armee befreit worden war, fanden die Soldaten dort rund 3.000 Leichen und mehrere Tausend entkräftete, leidende Menschen vor.
Warum ist das Erinnern an das Leid im Nationalsozialismus auch für uns heute so wichtig?
Die Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime liegt lange zurück – und doch ist sie auch heute noch von Bedeutung, denn es gibt immer noch Menschen, die ähnlich denken und gegen Andersdenkende hetzen. Sie richten sich nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern auch gegen Menschen mit anderem Glauben, gegen Homosexuelle oder politisch Andersdenkende. Diese Hetze verbreiten sie häufig gezielt und versuchen, insbesondere Jugendliche für ihr menschenverachtendes Gedankengut zu gewinnen.
Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, damit sich solches Leid nicht wiederholen kann und darf. Wir leben heute in einer lebendigen Demokratie. Diskussionen und unterschiedliche Meinungen sind erlaubt und erwünscht – aber die Menschenrechte müssen dabei immer an oberster Stelle stehen. Niemand darf sich über die Unversehrtheit und Würde anderer Menschen hinwegsetzen.
